Kritik zu NEBEN DEN GLEISEN

Kritik von Programmkino.de

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Neben den Gleisen, unmittelbar am Bahnhof der Gemeinde Boizenburg/Elbe, befindet sich ein Kiosk. Täglich gehen dort Arbeiter, Arbeitslose, Rentner und seit neuestem auch immer mehr Flüchtlinge ein und aus. Sie essen dort, trinken Bier oder schauen Fußball. So wird der kleine Laden zum Sammelsurium verschiedenster Lebensentwürfe, Realitäten und Hoffnungen. Regisseur Dieter Schumann gewährt in seiner genau beobachteten Doku „Neben den Gleisen“ einen umfassenden Einblick in den Alltag der Kiosk-Stammgäste. Der Film macht so u.a. die Ängste und Sorgen des “einfachen Mannes” und einiger so genannter „gescheiterter Existenzen“ deutlich.

Webseite: neben-den-gleisen-film.de

Deutschland 2016
Regie: Dieter Schumann
Drehbuch:  Dieter Schumann, Michael Kockot
Länge: 85 Minuten
Verleih: Deutschfilm
Kinostart: 06. April 2017

FILMKRITIK:

Der Kiosk am Bahnhof von Boizenburg, einer kleinen Gemeinde im Westen von Mecklenburg-Vorpommern, ist der tägliche Treffpunkt vieler Bewohner und Durchreisender. Er ist von 5 bis 22 Uhr geöffnet und in dieser Zeit kommen Schichtarbeiter, Taxifahrer, Pensionäre und vor allem viele Arbeitslose vorbei, um sich auszutauschen oder sich das erste Bier des Tages zu genehmigen. Als in der Nähe ein Erstaufnahmelager errichtet wird, verändert sich die Situation. Viele Flüchtlinge kommen von nun an am Kiosk vorbei. Regisseur Dieter Schumann gewährt einen Einblick in die Lebenswelten der Kiosk-Stammgäste. Ihm berichten sie von ihren Sorgen und Alltags-Problemen.

Der Regisseur Dieter Schumann wurde Ende der 80er-Jahre mit seiner Dokumentation „flüstern & SCHREIEN“ berühmt, ein Film, der sich der Untergrund-Musikszene der DDR widmete. Einer seiner bisher größten Erfolge ist „Wadans Welt“ (2012). Ein vielfach preisgekrönter Film über den Niedergang einer Wismarer Werft. Schumann drehte „Neben den Gleisen“ in dem 10 000-Seelen-Ort Boizenburg, nahe der mecklenburgischen Barockstadt Ludwigslust.
Es ist teils erschreckend mit anzusehen, wie viele der Leute, die dem Kiosk neben den Gleisen täglich einen Besuch abstatten, ihren Tag beginnen. Das erste Bier gibt’s schon am Morgen oder (spätestens) am Vormittag, danach genehmigt man sich oft noch einen Kurzen. Im Fernsehen läuft unentwegt Fußball und während der TV vor sich hinflimmert, wird die BILD-Zeitung überflogen. Allzu wunderlich ist dies allerdings nicht, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Stammgäste keiner regelmäßigen Arbeit nachgeht.

Wenn all jene vor der Kamera über ihre gescheiterten Lebensentwürfe und nicht verwirklichten Träume sprechen, wird klar, dass „Neben den Gleisen“ auch ein Stück weit stellvertretend für alle jene steht, die gemeinhin oft als „gescheiterte Existenzen“ beschrieben werden. In Boizenburg gibt es mit fast 35 Prozent einen, im Vergleich zum Bundesdurchschnitt, überdurchschnittlichen Anteil von Langzeitarbeitslosen. Dabei hatten viele einfach nur Pech. Denn nach der Auflösung der örtlichen Elbewerft, verloren nicht wenige Boizenburger ihre Jobs. Und hangeln sich seitdem von einer Zeitarbeit zur nächsten oder leben komplett von Hartz IV. Einer der Männer ist seit 2003 arbeitslos. Als er im Kiosk einkehrt, kommt er gerade von einem Termin beim Jobcenter. Ein anderer ist noch nicht ganz so lange ohne Job. Das Amt hätte einen Job für ihn, für den er allerdings umziehen müsste. „Aber dafür bin ich zu alt“, sagt er und lacht.

Dabei die meisten einst ein – zumindest – sorgenfreieres Leben. Sie waren einfache, ehrlich arbeitende Männer, die in lokalen Unternehmen gearbeitet haben, von denen es ein Großteil heute nicht mehr gibt. Oder eben in der Binnenschiff-Werft, die fast 50 Jahre lang existierte. Mit traurigen Augen berichten einige von ihnen davon, dass sie früher verheiratet waren. Heute sind sie gefrustet und verbittert. Und: von der Politik und dem – wie es einer formuliert – „System in diesem Land“, schwer enttäuscht.

Die wenigen, die aktuell wirklich gutes Geld verdienen, sind die Taxifahrer. Kein Wunder, denn: in der Nähe wurde vor kurzem ein Erstaufnahmelager für Flüchtlinge eingerichtet. Dadurch kommen nun mehr und mehr Flüchtlinge am Bahnhof an – und damit quasi automatisch auch am Kiosk. Dort treffen dann die unterschiedlichsten Zukunftsperspektiven und Weltanschauungen aufeinander. Während die einen glücklich sind nun in einem Land zu sein, in dem alles möglich sei, hocken die anderen – die Gescheiterten und „Vergessenen“ – über ihrem Bier und trauern der Vergangenheit nach. Oder sie schimpfen über „Mama Merkel“, die alle ins Land gelassen habe. Dieses Aufeinandertreffen der gegensätzlichen Sichtweisen und politischen Meinungen im Mikrokosmos Kiosk, kann man wohl auch als Spiegelbild unserer gegenwärtigen Gesellschaft ansehen.

Björn Schneider